reflections

Warum ich den hunger liebe

Man möchte meinen, ein Mensch kann ohne Essen nicht leben. Das ist wahr. Auch ich kann das nicht. Aber ohne Hunger kann ich genausowenig. Wenn man aufhört, normal zu essen, merkt man am Anfang noch den Hunger. Als etwas Störendes, etwas, das einen an das Essen erinnert. Den ganzen dekadenten Kram, der einen fett und fetter macht. Die Schokolade, die an den Oberschenkeln schuld ist und die warmen Mahlzeiten, die einen nur an das nichtvorhandene Doppelkinn erinnern. Alles Fett. Aber wenn diese Phase vorbeigeht, wird der Hunger transparenter. Einerseits ist er manchmal aufflammend immer noch quälend. Andererseits ist er ein stetiger Begleiter, er ist immer da, macht einen müde und manchmal sehr matt. Vor allem morgens oder manchmal auch mitten in der Nacht, wenn man unterzuckert aufwacht und schwitzend nach einem Glas Wasser sucht, um dann schwankend im Bad seiner nachlassenden Nierenfunktion zu fröhnen. Man ist schon lange nicht mehr schlaftrunken, denn das was man nachts tut, hat nichts mit Schlafen zu tun. Man hadert mit dem Hunger. Er ist überall. Aber wenn er verschwindet, dann ist das keine Erleichterung mehr, wie früher, sondern es ist eine Last. Er ist weg – wann wird er wieder kommen? Ist mein Bauch zu rund? Habe ich zu viel gegessen? Wenn er zurückkehrt, wird es schon besser. Jetzt verbrennt man ja wieder Kalorien, sagt man sich. Man “hungert” wieder. Alles gut. Ohne Hunger ist es wie ohne Ziel. Was tut man da, wozu tut man es? Kein Hunger, kein Sinn. Man fühlt sich selbst, wenn dieser dumpfe Schmerz im Bauch ist. Wenn man nachts im Bett liegt, spürt man, wie es den Körper zusammenzieht, wie man sich rund machen muss, weil der Bauch ein hohles Loch geworden ist. Etwas fehlt: das Essen. Und doch ist es unerwünscht. Man füllt das Loch mit allerlei Getränken. Tee, Wasser, Kaffee schwarz. Es dauert eine ganze Weile, bis der Hunger wieder dem ähnelt, was er am Anfang war: einem quälenden Gefühl, das einen daran erinnert, das etwas nicht stimmt.

27.9.12 21:31

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


TrueBlue (27.9.12 22:21)
Hunger ist ein schönes Gefühl. Wie Freude. Angenehm.


Anafeee (27.9.12 22:29)
Weil du merkst das du genau in dem monent dûnner wirst immer dûnner

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